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05.05.2022 Andreas Eicher

Verstehen, was zukünftig geschehen wird

Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Nicht ohne Grund kommt Wasser in Bewegung.“ Ihre Erfahrungen mit der Bewegung des Wassers konnten jüngst die Menschen Südafrikas leidvoll sammeln. Denn in der Region Durban in KwaZulu-Natal kam es im April zu heftigen Regenfällen und Überschwemmungen, Das Resultat: Über 450 Menschen verloren ihr Leben. Die Behörden sprechen von über 40.000 betroffenen Menschen, die mit den Folgen des Unwetters zu kämpfen haben, wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegen dürfte. Sihle Zikalala, Premierminister der Provinz KwaZulu-Natal, schätzt die Schäden auf mehrere Milliarden Rand. Und der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa bezeichnete die Katastrophe als „eine Katastrophe enormen Ausmaßes“ und fügte hinzu, sie sei „offensichtlich Teil des Klimawandels“.

Nach Aussagen des Portals „www.daswetter.com“  war die Küstenprovinz KwaZulu-Natal am stärksten von der Unwetterkatastrophe betroffen. Experten schätzen, dass es sich um die schwerste eintägige Überschwemmung in der Provinz seit 60 Jahren handelte. Zu allem Überfluss versagte die Katastrophenwarnungen und es kam zu Kommunikationspannen in den betroffenen Gebieten. „Die amtliche Behörde warnte 24 Stunden vor der Katastrophe, gab jedoch keine rote, sondern nur eine orangefarbene Warnung aus, die auf eine mittlere Wahrscheinlichkeit schwerer Auswirkungen einschließlich des Verlusts von Menschenleben hinweist.“

Behördenversagen und Missmanagement

Fatal vor dem Hintergrund immenser Wassermassen, die die Region heimsuchten. Im Umkehrschluss heißt das: Frühzeitige Warnmeldungen an die Bevölkerung sind ein Schlüsselfaktor in einer solchen Situation. Leider ging das im konkreten Fall schief und so versagte die Krisenkommunikation als essenzieller Teil einer Gesamtkonzeption zur Unwetterwarnung und damit eines umfassenden Krisenmanagements. Dabei ist das südafrikanische Beispiel kein Einzelfall von Behördenversagen und einem Missmanagement im Umgang mit mangelhaften Vorhersagen und Katastrophenwarnungen.

Auch hierzulande müssen Menschen immer wieder leidvolle Erfahrungen mit unzureichenden Informationsverbreitungen machen. Ein unrühmliches Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Die Flutkatastrophe im letzten Jahr im Ahrtal mit über 130 Toten und Schäden im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich. Mit Blick auf die Toten und Verletzten vermeidbar, zumal zahlreiche (digitale) Frühwarnsysteme bestehen und Prognosemodelle möglich sind. Focus-Online spricht in diesem Zusammenhang von einem „monumentalen Systemversagen“ und folgert: „Das europäische Flutwarnsystem (Efas) gibt bereits am 10. Juli, vier Tage vor dem Flut-Drama, eine Warnung heraus. ‚Extremes Hochwasser‘ drohe, heißt es darin. (…)

Auch in den darauffolgenden Tagen werden die Warnungen immer wieder aktualisiert, die Berechnungen weisen da bereits deutlich auf die später am härtetesten getroffenen Regionen hin.“ Allerdings wurden nach Focus-Aussagen „viele Menschen und viele Entscheider über den Ernst der Lage wohl nicht ausreichend informiert“. Zitiert wird die Efas-Expertin Hannah Cloke: „Irgendwo ist diese Warnkette gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind.“ Im Zuge des Gesamtversagens rund um die Flutkatastrophe trat jüngst Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Bündes 90/Die Grünen) zurück. „Hintergrund ist ihr Umgang mit der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz im Sommer 2021“, so der Südkurier zur Rolle der damaligen Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität von Rheinland-Pfalz.

Die unterschätzte Sturmflut und moderne Sperrwerke

Dass die Gefahren vor Naturkatastrophen immer wieder unterschätzt werden, das zeigt sich exemplarisch an der Hamburger Sturmflut vom Februar 1962. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) schreibt in diesem Zusammenhang: „Zwar gibt das Deutsche Hydrographische Institut in Hamburg am 16. Februar gegen 20 Uhr eine Sturmflutwarnung für die gesamte Nordseeküste heraus. (…) Von einer Gefahr für Hamburg ist jedoch nicht die Rede, es gibt zunächst keine gesonderten Hinweise oder Warnungen für die Bevölkerung der Hansestadt.“ Und das, obwohl das Hochwasser nach NDR-Aussagen einen prognostizierten Pegelstand von mehr als 4,70 Meter über Normalnull erreichen sollte – so viel wie seit mehr als 100 Jahren nicht. Am Ende stiegen beispielsweise die Pegel in St. Pauli auf 5,70 Meter.

Die Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 bedeutete ein einschneidendes Erlebnis für Hamburgs Bewohner und die politisch Verantwortlichen. Unterschätzten sie doch die Kraft und Wucht, mit der die Sturmflut weite Teile der Hansestadt unter Wasser setzte. Die Bilanz: über 300 Tote im Hamburger Stadtgebiet und mehr als 20.000 Menschen, die aus den überschwemmten Gebieten flüchten mussten oder evakuiert wurden. Nach Aussagen der Freien und Hansestadt Hamburg „entstand ein Sachschaden von damals mehr als 820 Millionen DM.“


Wann kommt die Flut? Bild: stock.adobe.com (Klaus von Kassel)

Die Gründe für diese Zerstörung waren die unvorbereitete Administration in Hamburg sowie unzureichende Vorhersagen und Hochwasserschutzmaßnahmen. „Eine funktionierende Katastrophenschutzorganisation gab es nicht“, konstatieren die Hamburger Verantwortlichen rückblickend und nennen die Sturmflut von 1962 gleichzeitig eine schmerzhafte Erfahrung. Denn zu administrativen Fehlern und Versäumnissen in der Gesamtkoordination des Hochwasserschutzes gesellten sich merkliche Schwächen im Deichbau.

Unter dem Strich bedeutete das unter anderem ein zu niedriges und veraltetes Deichsystem mit kleinen, in Handarbeit aufgeschütteten Erddeichen. Hinzu kam ein dezentraler Hochwasserschutz – organisiert in zahlreichen Deichverbänden und zersplitterten Zuständigkeiten sowie einem uneinheitlichen Warnsystem für die Bevölkerung. Nicht zu vergessen war eine wenig sensibilisierte Bevölkerung vor Hochwassergefahren.

In diesem Zuge wurden nach den Erfahrungen der 1962er-Sturmflut Sperrwerke errichtet und mittlerweile teils modernisiert – sei es das Baumwallsperrwerk, das Sperrwerk Billwerder Bucht oder das Nikolaisperrwerk. Beispielsweise erneuerte der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) das Nikolaisperrwerk im Rahmen der Erhöhung und Verstärkung der Hauptdeichlinie.


Einen ausführlichen Beitrag zum Thema Hochwassermanagement können Interessenten unter dem Titel: „5,70 Meter über Normalnull“ in der gis.Business 2/2022 nachlesen.


Mit dem Abschluss der Instandsetzung Anfang 2021 setzt Hamburg auf eine modernisierte und verbesserte Sperranlage. Wichtig sind solche Maßnahmen gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und damit der Notwendigkeit eines modernen und flexiblen sowie zentral aufgestellten Hochwasserschutzes für eine Millionenstadt wie Hamburg. Das deckt sich mit den Aussagen der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft, kurz BUKEA: „Die Hamburger Hochwasserschutzlinie schützt auf mehr als 100 km diese tiefliegenden Gebiete. Durch die mittel- bis langfristigen Änderungen, beispielsweise aufgrund des Klimawandels, wird der Hochwasserschutz fortlaufend an neue Erfordernisse angepasst.“

Hamburgs Hochwasserschutz auf einen Blick

Die Verantwortlichen der Freien und Hansestadt Hamburg haben in den letzten Jahrzehnten den Hochwasserschutz kontinuierlich ausgebaut. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das eine Hochwasserschutzlinie von insgesamt 103 km Länge, davon 77,5 km Deiche und über 25 km Hochwasserschutzwänden. Hinzu kommen unter anderem sechs Sturmflutsperrwerke, sechs Schleusen und 38 Hochwasserschutztore (Stand 2007).
 
Ein Hafen will geschützt sein: die Flutschutzmauer am Hafen Hamburg. Bild: stock.adobe.com (Carl-Jürgen Bautsch)


Neben Mauern und Sperrwerken gehört hierzu ein zentrales Hochwassermanagement. So wird das Ganze als zentrale staatliche Aufgabe verstanden – mit regelmäßigen Informationen an die Bevölkerung über die Gefahren von Sturmfluten sowie einem digitalen Frühwarnsystem. Mittels Sirenen, Radio- und Fernsehdurchsagen, Meldungen des Hamburger Sturmflutwarndienstes (WADI) sowie des Warnsystems Katwarn, hält Hamburg ein weitreichendes Informationsmanagement vor.

Mit Blick auf Katwarn geben die Behörden zu bedenken, dass es keine 100-prozentige Sicherheit von Warnmeldungen geben kann – gerade aufgrund möglicher Störungen des Mobilfunknetzes. Welche Folgen nicht zugestellte Warnmeldungen und technische Probleme im Zusammenspiel der Warn-Apps haben können, das mussten im letzten Jahr die Menschen im Zuge der Flutkatastrophe erfahren. Von daher tun die Verantwortlichen gut daran, „analoge“ Warnsysteme wie Sirenen und Durchsagen aufrechtzuerhalten und nach Möglichkeit auszubauen.

Hochwasserrisikomanagement: Was wäre, wenn?

Ein weiteres zentrales Element des Schutzes ist das Hochwasserrisikomanagement. Über das Geoportal Hamburg erhalten Anwender Zugang zu Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Was wäre, wenn? Die Antwort lässt ein Stück weit in die Zukunft blicken. Also das, was ein Risikomanagement ausmacht. Den Blick nach vorne zu richten, um Risiken möglichst zu minimieren und die Chancen – in diesem Fall für Städte und Kommunen – zu wahren. Der Zukunftsblick ist auch unter dem Aspekt der Schadensbegrenzung wichtig, sind doch nach Einschätzung des Rückversicherers Munich Re seit 1980 40 Prozent aller schaden-relevanten Naturkatastrophen auf Hochwasser zurückzuführen. Zwar betreffen Sturmfluten nach Ansicht des Versicherers nur relativ schmale Küstenstreifen, „bergen aber riesige Schadenpotenziale und forderten in der Vergangenheit die höchste Zahl an Menschenleben. Der aufgrund der Klimaerwärmung ansteigende Meeresspiegel erhöht an vielen Küsten der Welt die Sturmflut- und Erosionsgefahr.“ Und weiter heißt es: „Allerdings sorgten Investitionen in stark verbesserte Schutzmaßnahmen und insbesondere die Weiterentwicklung der Vorhersage- und Warnmöglichkeiten in den vergangenen Jahren dafür, dass Sturmflutkatastrophen weniger schlimm ausgefallen sind.“  

Apropos Vorhersagen. Gerade aufgrund des Klimawandels verschärft sich die Situation für Städte, die traditionell am Wasser gebaut sind. Hamburg bildet hier keine Ausnahme. Die Munich Re weist darauf hin: „Der aufgrund der Klimaerwärmung ansteigende Meeresspiegel erhöht an vielen Küsten der Welt die Sturmflut- und Erosionsgefahr.“ Zeit Online schreibt, dass sich Hamburg mit dem Klimawandel verändern wird und folgert: dass „es immer mehr sintflutartige Regenfälle geben wird, sogenannten Starkregen“. Weiter heißt es: „Den Modellen zufolge könnte die Wassermetropole Hamburg schon in den kommenden Jahrzehnten immer stärker von Wasser bedroht werden.“ Um zu verstehen, was zukünftig geschehen wird, sind Modellierungen möglicher Hochwasserereignisse ein wichtiges Instrumentarium für Vorhersagen. Nach Zeit-Online-Aussagen verfügt beispielsweise das Unternehmen „Hamburg Wasser“ über eine „eigene stadthydrologische Planungsgruppe“. „Dort wird analysiert, welche Bereiche besonders gefährdet sein könnten.“

3930 - Verstehen, was zukünftig geschehen wird
Andreas Eicher